Nr.23/06 8.6.2006

Gewerkschaften in der sozialistischen Sowjetunion


Mit einem Extra-Abschnitt über die Entstehung der Gewerkschaften unter anderem in Russland

Willi Dickhut, Gewerkschaften und Klassenkampf

374 Seiten, 14,50 Euro

Verlag Neuer Weg,
Alte Bottroper Str. 42,
45356 Essen,
Tel. 0201/25915
www.people-to-people.de

In der RF 17/06 findet man auf Seite 9 einen Artikel zum Thema ,,Überparteiliche Gewerkschaften: auch im Sozialismus unentbehrlich". Im Vorspann heißt es: ,,Auch nach dem Sturz der kapitalistischen Ausbeuterherrschaft und der Errichtung der Diktatur des Proletariats haben die Gewerkschaften beim Aufbau des Sozialismus und im Kampf zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen eine große Bedeutung". Wie die Gewerkschaften in der sozialistischen Sowjetunion dieser Bedeutung nachkamen, berichtet der französische Schriftsteller Georges Soria in seinem 1951 erschienenen Buch ,,Wie lebt man in der Sowjetunion".

27 Millionen Gewerkschaftsmitglieder

Georges Soria (Jahrgang 1914) lebte Anfang der 1940er Jahre selbst in der Sowjetunion. Er berichtet: ,,Die Sowjetgewerkschaften, die nach Berufsgruppen und Bezirken gegliedert sind, zählen 27 Millionen Mitglieder. Mit der ungestümen Zunahme der Arbeitskräfte und Industrien stellte es sich als notwendig heraus, die Gewerkschaften entsprechend stärker zu gliedern. 1931 gab es 45 Sparten und heute gibt es 172. So weist, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die Maschinenbauindustrie, entsprechend ihren verschiedenen Zweigen, mehrere Sparten auf: eine für Schwermaschinenbau, eine für Druckmaschinenbau, eine für Werkzeugmaschinenbau, für Automobile, für Präzisionsinstrumente und so weiter."

Gewählte Betriebsgewerkschaftsleitungen

Die Arbeiter und Angestellten in den Betrieben wählten sich ihre Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), die je nach Größe des Betriebes aus 5 bis 15 Arbeitern bestand. Soria berichtet über die Aufgabenstellung dieser Leitungen: ,,Die Mitglieder der BGL werden von ihren Arbeitskameraden gewählt und kennen deren Bedürfnisse besser als sonst irgend jemand. Diese BGL hat besondere Kommissionen: solche für Lohnfragen, für soziale Fragen, für berufliche Ausbildung und für Kulturarbeit. Die Lohnkommission ist natürlich die wichtigste. Sie kontrolliert, ob die von der Betriebsverwaltung festgesetzten Normen im vernünftigen Verhältnis zur Arbeit stehen, die man von den Arbeitern und Angestellten verlangen kann. Keine Leistungsnorm erhält Gültigkeit, bevor sie nicht von der Lohnkommission geprüft und von der BGL gutgeheißen wurde. Die BGL hat das Recht, die Norm abzulehnen, wenn sie sie für übertrieben hoch hält."

Im Gegensatz zu den Betriebsräten kapitalistischer Betrieben hatten die Arbeiter und nicht die Betriebsleitungen das letzte Wort bei der Festsetzung von Normen. Die Arbeiter waren nicht jeweils Eigentümer ihrer einzelnen Fabrik, sondern die Fabriken waren zu diesem Zeitpunkt zu fast 100 Prozent gesamtgesellschaftliches Eigentum. Trotzdem hatten die Arbeiter über ihre Betriebsgewerkschaftsleitungen maßgeblichen Einfluss auf die konkrete Führung der einzelnen Fabrik, in der sie arbeiteten.

Kritik an bürokratischen Erscheinungen und Mängeln

Eine wichtige Rolle bei der Einflussnahme der Arbeiter auf die Leitung der Betriebe spielten die Produktionsbesprechungen, für deren Organisierung und Durchführung die Lohnkommission der Betriebsgewerkschaftsleitung verantwortlich war. Soria arbeitet heraus, dass diese Produktionsbesprechungen ,,eine der wesentlichen Formen der Beteiligung der Arbeiter an der Leitung der Industrie" waren. Er fährt fort: ,,Im Laufe der Versammlungen diskutieren die Gewerkschaftsmitglieder die Arbeitsmethoden. Dabei kritisieren sie manchmal die von ihnen festgestellten Mängel sehr scharf und machen Vorschläge, um ihnen abzuhelfen."

Die Kritik an bürokratischen Erscheinungen, Schlendrian und Verschwendung ist eine wesentliche Aufgabe des Klassenkampfs im Sozialismus. Sie muss von der marxistisch-leninistischen Partei ebenso organisiert werden wie von der Masse der Gewerkschaftsmitglieder. Mit Blick auf die bisherigen Erfahrungen mit dem Klassenkampf im Sozialismus darf man diese Auseinandersetzungen keinesfalls gering schätzen. Am gefährlichsten für den Sozialismus ist es, wenn Bürokratismus, Egoismus und kleinbürgerliche Denkweise innerhalb der Partei oder auch dem Gewerkschaftsapparat vordringen.

Die Erfinder der Lean Produktion waren keine Japaner

Georges Soria schildert die große Initiative, mit der die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angestellten ihre Produktion anpackten: ,,1946 wurden in den verschiedenen Betrieben des Landes seitens der Werktätigen 473.000 Vorschläge für eine rationellere Gestaltung der Arbeit gemacht, von denen 253.000 berücksichtigt wurden."

Rund 50 Jahre bevor japanische Manager mit der so genannten ,,Lean Produktion und Gruppenarbeit" die freiwillige Schöpferkraft der Arbeiter auszubeuten trachteten, war dies in der Sowjetunion bereits in vollem Gange. Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass die Verbesserungs- und Rationalisierungsvorschläge der Arbeiter im Sozialismus ihnen selbst, ihren Familien und der gesamten Gesellschaft zugute kommen. Im Kapitalismus ist die Gruppenarbeit nach gut einem Jahrzehnt bereits weitgehend angefressen und wird von verschiedenen Autokonzernen bereits wieder abgebaut. Kein Wunder ernten die Arbeiter doch für ihre Vorschläge Vernichtung weiterer Arbeitsplätze und Intensivierung der Ausbeutung. Während in Deutschland heute führende Monopole auf eine Arbeitszeitverlängerung drängen, berichtet Soria: ,,Die ständige Erhöhung der Leistungen ermöglicht es bereits, für gewisse Berufe die Arbeitszeit von sechs auf fünf Stunden täglich zu verkürzen." Und das vor 60 Jahren.

Ausbildung der Arbeiterjugend

In den kapitalistischen Betrieben wird die Ausbildung der Jugendlichen immer mehr vom Produktionsprozess getrennt. Verschiedene Monopole gehen inzwischen sogar dazu über, die Lehrwerkstätten richtiggehend auszulagern (Outsourcing). In der sozialistischen Sowjetunion wurde die Arbeiterjugend direkt von den Arbeitern ausgebildet. Auch dafür übernahm die Gewerkschaft Verantwortung: ,,Die Gewerkschaften organisieren in jedem Betrieb die Ausbildung von qualifizierten Arbeitern und Angestellten. Jugendliche ungelernte Arbeiter werden gleich bei Eintritt in die Fabrik individuell oder in Gruppen qualifizierten Arbeitern zum Anlernen zugewiesen."

Das ganze Leben

Es versteht sich fast von selbst, dass in eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen, die Gewerkschaften sich nicht auf betriebliche Fragen beschränken können. Nicht umsonst hatten die Betriebsgewerkschaftsleitungen auch Kulturkommissionen. ,,Die Gewerkschaften beschränken ihre Tätigkeit nicht nur auf alle mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängenden Fragen (Arbeitshygiene, Dauer der Arbeitszeit und so weiter) im Betrieb selbst, sie kümmern sich auch um die Freizeitgestaltung und das Wohlergehen der Werktätigen. Sie verwalten die der Sozialversicherung zur Verfügung stehenden Geldmittel und entscheiden über ihre Verwendung, ... Die Gewerkschaften organisieren gruppenweise Ferienreisen. Die Verwaltung der Ferienkolonien für die Kinder der Arbeiter liegt ebenfalls in ihren Händen. Die Gewerkschaftsfunktionäre bemühen sich außerdem darum, für bessere Wohnbedingungen der Arbeiter und Angestellten zu sorgen."

Die Verwaltung der Mittel für die Sozialversicherung, Freizeit und Kultur darf nicht unterschätzt werden. Immerhin entsprach die Summe, über die die Gewerkschaftsleitungen damit verfügten, im Durchschnitt neun Prozent der jeweiligen Lohnsumme.

Die Marxisten-Leninisten in den Gewerkschaften

Die Mitglieder der revolutionären Partei organisieren sich nicht nur in den Betriebsgruppen der Partei, sondern auch in den Gewerkschaften. Sie werben und überzeugen für die Gewerkschaft und für den sozialistischen Aufbau und die sozialistische Denk- und Arbeitsweise. Sie übernehmen - wo immer möglich und nötig - Verantwortung. Die Gewerkschaften, wie andere Selbstorganisationen der Massen auch, sind ein wichtiges Bindeglied der Partei zur gesamten Arbeiterklasse und den werktätigen Massen. Im Programm der MLPD heißt es dazu auf S. 36: ,,Es sind die Arbeitermassen und ihre Selbstorganisationen, die unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei die Lenkung und Verwaltung von Produktion und Gesellschaft in die Hand nehmen müssen ... Die Selbstorganisationen spielen eine besondere Rolle in der Kontrolle der Bürokratie und der Verwirklichung der Interessen der Massen im Sozialismus."

Jörg Weidemann




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