Nr.23/06 8.6.2006

Trotz riesiger Möglichkeiten in der Landwirtschaft droht eine weltweite Hungerkatastrope

Serie: Beschleunigter Umschlag in eine globale Umweltkatastrophe - ist die Erde noch zu retten? (9)


Der Mensch hat über Jahrhunderte hinweg in vielen Gebieten mit einer extensiv betriebenen Landwirtschaft die natürliche Umwelt verändert und häufig auch zur Bereicherung und zur Bildung neuer Ökosysteme beigetragen. Mit der Industrialisierung ging eine starke Intensivierung der Produktion einher und die Ernteerträge pro Flächeneinheit konnten erheblich gesteigert werden. Unter dem Diktat der kapitalistischen Profitgier war dies allerdings auch verbunden mit einem wachsenden Raubbau an den Böden und landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Dies trifft auf die sich beschleunigenden Klimaänderungen, die heute schon die Landwirtschaft erheblich beeinträchtigen. Und umgekehrt trägt die profitorientierte Landwirtschaft mit 13,5 Prozent der Treibhausgase auch erheblich zur Klimakatastrophe bei, beispielsweise durch Bodenzerstörung und Methanfreisetzung in der Fleischproduktion. Es droht die Entwicklung einer sich zuspitzenden weltweiten Hungerkatastrophe, wenn nicht umfassende Maßnahmen zum Schutz des Bodens und des Klimas ergriffen werden.

Noch ist das eine lösbare Aufgabe und es haben sich alle wissenschaftlichen und technischen Vorraussetzungen für eine nachhaltige industrielle Landwirtschaft entwickelt, die die Ökosysteme weltweit bereichern und immer bessere Lebensbedingungen für den Menschen im Einklang mit der Natur schaffen können.

Landwirtschaft und Welternährung

Entgegen den Zielen der UNO, die Zahl der Hungernden und Unterernährten von 840 Millionen im Jahr 1996 auf 400 Millionen im Jahre 2015 zu halbieren1, wurde der Hunger nicht reduziert. Neuesten Zahlen zufolge sterben weltweit täglich 100.000 Menschen an Hunger und Unterernährung - jährlich folglich rund 30 Millionen, wobei der Hauptteil davon in den neokolonial abhängigen Ländern liegt. Die Theorie von der angeblichen ,,Überbevölkerung" lenkt von den eigentlichen Ursachen des Hungers ab. Der Hunger ist ein großes Geschäft: die systematische Nahrungsmittelvernichtung, die Verknappung und Spekulation sowie die Ruinierung Hunderter Millionen Kleinbauern weltweit garantieren Maximalprofite für Agrarmonopole und Handelsketten.

Tatsächlich hat sich die Weltnahrungsmittelproduktion seit 1970 bis zum Jahr 2000 verdreifacht und die Menge an produziertem Getreide wurde verdoppelt.2 Dies war verbunden mit einer leichten Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Flächen, die heute zirka 25 Prozent der gesamten Festlandoberfläche ausmachen. Viel mehr wurde die landwirtschaftliche Produktion jedoch durch Intensivierung gesteigert.

Besonders intensiv landwirtschaftlich genutzt werden Grasländer (grasslands), die 40 Prozent der Festlandoberfläche bedecken. Hier werden Getreide, Weizen, Hirse, Roggen, Hafer, Reis und Mais angebaut. Die Bodenqualität der Grasländer unterscheidet sich erheblich - nur ein Teil mit sehr fruchtbaren Böden eignet sich für eine intensive Landwirtschaft - sie stellen die Kornkammern der Menschheit. Der landwirtschaftliche Nutzungsgrad der Grasländer ist in der Regel hoch; in einigen Regionen, z.B. den Prärien Nordamerikas, beträgt er fast 100 Prozent.

Auch schon ohne Berücksichtigung der Folgen der Klimaveränderungen sind mit einer profitorientierten Intensivierung der Landwirtschaft, falschen Anbau- und Bewässerungsmethoden und Raubbau bereits zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in den letzten 50 Jahren durch Erosion, Bodenversalzung, Nährstoffverarmung, biologische Verarmung bzw. Verschmutzung beeinträchtigt, zirka 40 Prozent sind bereits schwer oder sehr schwer beeinträchtigt. Dadurch ist die landwirtschaftliche Produktion auf mindestens 16 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche bereits erheblich eingeschränkt. Bei den Grasländern sind zirka 12 Prozent durch die menschliche Nutzung vollständig zerstört.2

Bis zum Jahre 2020 müsste die Nahrungsmittelproduktion auf der Erde um 40 Prozent gesteigert werden, um den Hunger bei einer wachsenden Bevölkerung auszumerzen. Diese Notwendigkeit trifft auf eine ganze Reihe entgegenstehender Faktoren: Neben den angeführten lokalen Faktoren hat schon heute die beginnende Klimakatastrophe in einigen Gebieten drastische Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion und die Wasserversorgung. Sie stellt mittelfristig mehr und mehr die Ernährungsgrundlage der Menschheit in Frage. Dazu kommt, dass Saatgut, Pflanzen- und Tierzucht immer mehr in die Hand einiger Monopolgruppen gerät, was eine immer stärkere Abhängigkeit der Bauern von wenigen Agrar-, Bio- und Chemiemonopolen bedeutet.

Die Artenvielfalt und auch die Genvielfalt der in der Landwirtschaft eingesetzten Pflanzen- und Tierarten gehen stark zurück. Gleichzeitig nimmt der Einsatz genmanipulierter Pflanzenarten immer mehr zu, ohne dass die Folgen allseitig erforscht und abgewogen sind. All das stellen Faktoren für eine sich entwickelnde Hungerkatastrophe der Menschheit dar.

Landwirtschaft im Treibhaus

Eines der Argumente der Leugner der drohenden Klimakatastrophe (,,Klimaskeptiker") ist, dass ein erhöhter CO2-Gehalt in der Atmosphäre die Kohlenhydrat- und Eiweißproduktion der Pflanzen steigern würde. Tatsächlich hat das zusätzliche Kohlendioxid häufig einen zusätzlich düngenden Effekt und regt das Pflanzenwachstum an. Die ,,Klimaskeptiker" behaupten, dass der verstärkte Treibhauseffekt sich positiv auf die Landwirtschaft auswirken würde und Bauern die Klimaveränderungen in ihrer Region durch einen Wechsel des Anbaugutes und der Zyklen kompensieren könnten.

Diese Argumentation greift jedoch zu kurz und verkennt das komplexe Zusammenspiel verschiedener Faktoren des Ökosystems. Untersuchungen in Gewächshäusern ergaben, dass das Zusammenspiel von Temperatur- und Niederschlagsänderungen den düngenden Effekt des CO2 auf das Pflanzenwachstum mehr als wettmachen können.3 Die Geschwindigkeit der Klimaveränderungen verhindert, dass sich komplex aufeinander abgestimmte Ökosysteme verändern und anpassen können.

Derzeit kommt der überwiegende Anteil der Weltnahrungsmittelproduktion aus jenen mittleren und höheren geographischen Breiten, in denen die größten Temperaturänderungen erwartet werden. Alleine die US-amerikanische Getreideproduktion exportiert mehr Getreide als die gesamte Getreideproduktion in Afrika ergibt.

Im amerikanischen Getreidegürtel würde schon eine geringfügige Erhöhung der mittleren Temperatur ausreichen, um die Bodenfeuchte drastisch zu verringern. Große Teile dieser Kornkammer würden sich damit in Steppen verwandeln. Schon heute reduziert die zunehmende Trockenheit in den Kornkammern im mittleren Westen der USA und in der Ukraine die dortige Getreideproduktion. Die mit einem schnellen Klimawandel drastisch zunehmenden extremen Wetterereignisse wie Wolkenbrüche mit Über-schwemmungen, Stürme, Trocken- und Hitzeperioden richten bereits drastische Schäden in der Landwirtschaft an.

Und weltweit hungern heute Menschen, obwohl Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden sind. Ein globaler Nahrungsmittelengpass würde vor allem die neokolonial abhängigen Länder treffen. Aber auch in den imperialistischen Ländern würde Hunger um sich greifen, und sich ernähren zu können würde auch dort wieder zu einer Frage der Klassenzugehörigkeit. (cj)

Quellenangaben:

1Beschlossen auf dem Welternährungsgipfel der UNO-Organisation FAO Food and Agriculture Organization im Jahre 1996 und bekräftigt in den so genannten Milleniumszielen der UN-Vollversammlung des Jahres 2000. Den Zielen folgten jedoch keine verbindlichen Beschlüsse, sondern nur völlig unverbindliche Absichtserklärungen.

2People and Ecosystems, A Guide to World Ressources 2000-2001, World Ressources Institute, 2000.

3 Kromp-Kolb & Formayer: Schwarzbuch Klimawandel (2005) S.107.




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