Nr.23/06 8.6.2006

So leben unsere Freunde in Polen


 

Im Jahr 2003 besuchten Teilnehmer des REBELL-Sommercamps das Stahlwerk Nowa Huta in Krakau

Es ist ein glücklicher Zufall, dass Polen und Deutschland in derselben Vorrundengruppe spielen. Noch dazu werden zwei der drei Vorrundenspiele der polnischen Mannschaft in den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen und Dortmund ausgetragen - der Heimat unzähliger Familien, deren Groß- und Urgroßväter als Bergarbeiter nach Deutschland kamen. So können die Polen sozusagen fast in heimatlichem Umfeld spielen.

Wem werden die Fans Beifall zollen? Das ist gar keine so leichte Frage. Der polnische Mittelfeldspieler Jacek Krzywonek ist beliebt als Spieler von Bayer Leverkusen, ebenso der Torschütze Ebi Smolarek von Borussia Dortmund. Umgekehrt freuen sich Zuschauer in Polen mit über Tore der Stürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski, die beide in Polen geboren sind.

Wie die Mannschaften, so haben auch die Bevölkerung von Polen und Deutschland viele enge Verbindungen. Tausende älterer und hilfsbedürftiger Menschen in Deutschland werden von Polinnen liebevoll und fachkundig gepflegt, die dennoch jeweils nur für drei Monate einreisen dürfen. Angesichts von 18 Prozent offizieller Arbeitslosigkeit in ihrem Land suchen Millionen Polen Arbeit im Ausland, um ihre Familien über Wasser zu halten.

Polen ist ein Zentrum ausländischer Investitionen, besonders aus Deutschland. Niederlassungen von Banken, Industrie und Handel verdrängten und verdrängen die einheimische Industrie und Landwirtschaft mit Hunderttausenden von Beschäftigten und Kleinbauern. Opel/General Motors, VW, MAN, Metro, Bau knecht, Dyckerhoff, Ford/Fiat usw. haben hier Werke. Sie zahlen im Höchstfall 24,5 Prozent Steuern und nur 5 Euro Lohn. IWF und EU fordern drastische Kürzungen sozialer Leistungen.

Seit Wochen gehen Tausende Krankenhausärzte in Polen immer wieder in Streik. Sie fordern 30 Prozent mehr Gehalt, bis 2007 eine Anhebung um 100 Prozent, und dass die Ausgaben fürs Gesundheitswesen auf 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht werden. Es ist ein Widersinn: Das Gesundheitswesen in dem rohstoffreichen und hochindustrialisierten Staat liegt danieder; immer mehr Polinnen bringen ihre Kinder lieber in Deutschland zur Welt, während zugleich Tausende Krankenschwestern auswandern.

Im August 2005 feierten 100.000 Kollegen in Gdansk den 25. Gründungstag der Gewerkschaft Solidarnosc. Mit deren Streikbewegung setzten die polnischen Arbeiter 1980/ 81 das Streikrecht und die Freilassung politischer Gefangener durch. Sie entlarvten praktisch den Betrug des 1956 von Gomulka unter dem Schutz von Chruschtschow eingesetzten bürokratisch-kapitalistischen Systems, das sich zu Unrecht weiter als Sozialismus bezeichnete. Das war das erste Fanal für den späteren Zusammenbruch des bürokratisch-kapitalistischen Ostblocks.

Ihre kämpferische Tradition setzen die polnischen Kollegen fort, heute gegen die internationalen Monopole. Eine große polnische Delegation demonstrierte mit in Straßburg gegen die Bolkesteinrichtlinie. Fiat-Kollegen in Bielsko-Biala streikten im Oktober 2005 für höhere Löhne, gleiche Rechte für alle Beschäftigten und gegen die Einführung der 6-Tage-Woche. Gewerkschafter aus Italien und Deutschland unterstützten sie. 10.000 Bergarbeiter zwangen im Juli letzten Jahres mit einer Demonstration, bei der es zu einer blutigen Schlacht mit der Polizei kam, das Parlament zur Wiedereinsetzung ihres gerade gekippten Rechts auf Rente nach 25 Jahren im Bergbau. Die Streichung hatten IWF und EU-Kommission verlangt!

Die Jugend ist wie bei uns aktiv im antifaschistischen Kampf. Erst am 19. Mai demonstrierten Schüler und Studenten gegen den ultrarechten Erziehungsminister und die von ihm organisierte ,,allpolnische Jugend", die mit Neofaschisten enge Kontakte unterhält.

300.000 Polen wollen die WM besuchen. 
Herzlich willkommen in Deutschland!

(dj)




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