![]() Nr.23/06 8.6.2006 |
Das Ende der Angst heißt ,,Bleiberecht"
Die kurdische Familie Erkil fand mit viel Unterstützung aus der Bevölkerung in Wesel eine neue Heimat
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Eigentlich ist es nur ein Wort, von dem Glück oder Unglück der
kurdischen Familie Erkil in Wesel abhängt. Das Wort heißt
,,Bleiberecht". Es steht für Planbarkeit des Alltags, Optimismus. In
bescheidenem Ausmaß das alles, natürlich. Aber für die
sechsköpfige Familie ist es das Paradies. Das Gegenteil von Bleiberecht ist die Duldung. Das bedeutet ständige Angst vor Abschiebung; Angst, die krank macht; nicht arbeiten zu dürfen. Angst vor der Zukunft. Zehn Jahre lang. Denn die Duldung wird immer nur kurzfristig ausgesprochen. Vier Wochen, zwei Monate oder so. Und am Ende der Frist dann immer die Sorge: Gibt es eine neue Duldung? Jetzt endlich Bleiberecht! Pässe für die ganze Familie, das Recht, eine Arbeit annehmen zu dürfen. Kein nächtliches Aufschrecken mehr, wenn unten vor den Fenstern plötzlich ein Auto hält. Vor allem Sabahat Erkil (32), die Mutter von vier Kindern, hat darunter gelitten, ist krank geworden. Dabei kamen die Erkils mit ihren damals zwei Kindern, der Tochter Bahat (heute 14) und dem zwei Jahre jüngeren Hussein, 1996 schon aus der Hölle, aus einem kleinen Ort nahe Nusjbin im Südosten der Türkei. Vater Mehmet, ein Bauarbeiter, der heute 38 Jahre alt ist, wurde als Kurde verfolgt, seine Verwandten waren unter den Toten, als das Dorf von türkischen Milizen überfallen wurde. ,,Wir mussten über Nacht fliehen", erinnert sich Mehmet. ,,Viele Menschen fühlen sich erstmal ohnmächtig. Aber da wo sie sich solidarisch verhalten, wo sie zusammen kämpfen, können sie auch politische Forderungen durchsetzen." Henning v. Stoltzenberg, Student und Sprecher der Unterstützergruppe 1999 erhielten die Erkils Hilfe von Deutschen, die mit Info-Ständen über die ,,Menschenrechte in der Türkei" die Verfolgung der Kurden in der Türkei anprangerten. Vor allem Schüler und Studenten der ,,Jungen Linken Wesel" unterstützten die Familie, die inzwischen noch zwei weitere Kinder hat, Davut (10) und Axin (8). Vor anderthalb Jahren wurde die Unterstützung durch die Öffentlichkeit bitter nötig: ,,Das Abschiebevorhaben wurde konkret", sagt Henning v. Stoltzenberg, Student aus Duisburg und Sprecher der Unterstützergruppe. Er schildert, wie sie den Kampf für das Bleiberecht geführt haben. ,,Als Erstes haben wir einen offenen Brief an die Weseler Bürgermeisterin Ulrike Westkamp und den Leiter der Ausländerbehörde, Miguel Gandoy, geschrieben. Den haben viele unterzeichnet, allein rund 20 Initiativen." 2.500 Bürger unterschrieben bei Info-Ständen. Zu den Unterstützern gehörten auch die PDS, die internationale Solidaritäts- und Hilfsorganisation ,,Solidarität International" (SI) und Teilnehmer der Montagsdemo. ,,Von wegen, der Niederrhein ist konservativ! Das ist damit widerlegt", freut sich Henning v. Stoltzenberg. Auch die Mitschüler des zwölfjährigen Hussein an der Weseler Gemeinschaftsgrundschule, Eltern und Lehrer setzten sich für ein Bleiberecht der Eltern ein. Sie hatten eine Kundgebung vor dem Weseler Rathaus geplant. Als aber die Türen weit offen waren gingen sie alle spontan hinein, und der zuständige Dezernent stand ihnen Rede und Antwort. Ein Protestfest, das im März geplant war, brauchte in der ursprünglichen Form nicht mehr gefeiert zu werden - es wurde ein tolles Freudenfest! Denn am 3. April erhielten die Erkils die Aufenthaltsgenehmigung. ,,Und wenn wir unsere Pässe abgeholt haben, dann gibt's noch mal ein Fest", strahlt Mehmet Erkil. ,,In der Türkei haben wir Angst gehabt. Hier erst auch. Aber jetzt ist alles anders! Jetzt kann ich auch arbeiten und das will ich. Und was mich auch glücklich macht: Wir haben Freunde gefunden, die uns geholfen haben!" (gd) |
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